Die Botschaft von der Freiheit
Monatsspruch Mai:
(Denn) alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird; es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch das Gebet.
(1. Timotheus 4,4.5)
Eigentlich hätte ich mir im Blick auf unsere Gemeinde für den Mai 2012 einen anderen Monatsspruch gewünscht — ein Bibelwort, das auf die Umzugsstimmung gepasst hätte, die allmählich in der Kreuzstraße herrscht. Da brauchen wir doch eher einen Spruch, den man sich auf die Aufbruchsfahnen sticken könnte, der uns weiterhin Mut macht, uns anfeuert, uns in die Erneuerung ruft. Predigten, Veröffentlichungen in „mal eben", Aussagen im Gottesdienst, Gebete: Wir werden aus gutem Grund zu freudigem Loslassen, zu geistlicher Besinnung, Gesinnungs- beziehungsweise spirituellem Kleiderwechsel in Vorbereitung auf den Aufbruch in Neuland — nicht gerade von Ägypten nach Kanaan, so doch von der Kreuz- in die Ohiostraße — aufgerufen und ermutigt.
Für den nächsten Monat ist das Datum gesetzt; dann heißt es: „...das Alte ist vergangen..." Ist es das? Natürlich, der „Altbau" (man verzeihe die Bezeichnung) wird aufgegeben, der Neubau will seiner Bestimmung zugeführt werden. Das ist so, und es ist gut so. Sind wir dann rundum erneuert?
Man kann sich den Monatsspruch nicht einfach aussuchen. Er ist uns vorgegeben, ob er in unsere Agenda passt oder nicht. Aber das ist ja mit Gottes Wort ohnehin nicht anders. Es trifft uns manchmal, ohne dass wir es gerade wählen würden. Das Bibelwort für den Mai nimmt uns an der Hand und führt uns ganz sachte zurück in einen Erlebnishorizont, der im Morgenrot des Aufbruchs verschleiert werden könnte. Da ist der Alltag. Da ist essen und trinken. Ganz schlicht. Hinter den trockenen, nahezu banalen Äußerungen des Apostels an seinen Mitarbeiter und Freund Timotheus verbirgt sich allerdings eine Aussage, die zum Kernbereich der Botschaft des Evangeliums gehört und die wir leben und verkündigen als Gemeinde auch in der Ohiostraße. Das nämlich nehmen wir unter anderem mit: die großartige gute Nachricht von der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, eine Botschaft, die an den Schöpfungsmorgen erinnert, da alles „sehr gut" war.
In der Gemeinde (den Gemeinden) Kleinasiens, möglicherweise in und um Ephesus, gab es offenbar eine Gruppe von Menschen, die es wohl gut meinten und dennoch die Gemeinde und ihre Botschaft zerstören konnten und die Paulus scharf bekämpft. Beispielsweise galt für sie der verbindliche Glaubenssatz: Ein Christ ist, wer bestimmte Normen beziehungsweise Vorschriften einhält.
Ein Christ ist... — die Älteren unter uns kennen es noch, mit welchen Argusaugen die Baptistengemeinden früher insbesondere die gefährdete Jugend beobachteten. Wie leicht konnte es dazu kommen, dass sich einer oder eine vor dem Gemeindevorstand oder dem Ältestenkreis verantworten musste, weil er oder sie bestimmte ethische Normen der Gemeinde nicht eingehalten hatte. Bis zur Exkommunikation (Ausschluss) beziehungsweise Vorenthaltung des Abendmahls auf Zeit gingen die Strafen.
Hinter solcher Strenge stand ganz gewiß guter Wille, nämlich die scheinbare oder tatsächliche Abgrenzung von dem, was man unter „Welt" verstand, und die Hoffnung, die Gemeinde auf diese Weise rein und unbefleckt zu erhalten. Wohlgemeint, aber nicht gut! Unter dem Mantel der Seelsorge verdeckt, drohte auch da letztlich die von Paulus scharf verurteilte Überzeugung: „ein Christ ist, wer dies oder jenes tut oder unterlässt". Betroffen ist von solcher Festlegung der Kernbereich des Evangeliums, nämlich die Rechtfertigung allein durch den Glauben und nicht durch die Einhaltung von Normen.
Der Monatsspruch nimmt die Askesevorschriften der Irrlehrer aufs Korn. Sie glaubten zu wissen, was ein Christ essen darf und was nicht. (Wohlgemerkt: Hier ging es nicht um die liebevolle Rücksichtnahme auf andere Gemeindeglieder — vgl. „mal eben" 2/2012, sondern um Grundsätzliches. ) Ein Christ ist Vegetarier und trinkt keinen Wein (vgl. dagegen 1. Timotheus 5,23!) oder er ist kein Christ. So einfach — und so falsch. Vielleicht haben diese Leute wirklich daran geglaubt, dass das Reich Gottes in der Gemeinde so zu gestalten ist. Dass man nebenbei allerdings auch die Askese nicht zu weit trieb und nichts dagegen hatte, gut zu verdienen oder gar reich zu werden, ohne davon abzugeben, entlarvte die guten Absichten der „Normchristen" sowieso als pure Heuchelei (vgl. 1. Timotheus 6,2ff.).
„Alles ist gut, was Gott geschaffen hat", betont Paulus. Wie gesagt: Er erinnert indirekt an die Schöpfungsgeschichte, an den Anfang allen menschlichen Daseins. Man möge sich an das großartige Wort des Apostels erinnert fühlen, das wie Glockengeläut über jeder Entscheidung für Christus klingt und die Freude im Himmel über jeden Menschen, der die Erlösung annimmt, widerklingen lässt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden." So schafft Gott die Welt, so schafft Christus den neuen Menschen in seinem herrlichen Reich. Und mit dem neuen Menschen ist seine Welt verändert. Da werden wir wieder in den Garten Eden versetzt und dürfen essen von allem, was Gottes Fürsorge für uns bereit hält. Da werden Zwänge aufgehoben, da werden aus Sklaven freie Menschen.
Das klingt schwärmerisch. Das ist Utopie. Wenn wir essen — um beim Monatsspruch zu bleiben — dann wissen wir oft schon gar nicht, ob das, was wir da zu uns nehmen, von Gott oder vom Gott-Menschen geschaffen ist. Genmanipulation, Chemie, Züchtung, Klonerzeugnisse, Kunstdünger — alles „gut", Paulus? Dabei sprechen wir schon gar nicht vom Übergewicht, von Kalorien und Cholesterin und was dergleichen Heimsuchungen noch mehr sind. Aber dafür kann man eigentlich nicht danken, nicht wahr? Das nämlich ist die einzige Bedingung, die Paulus hier gelten lässt und die zu unserer Freiheit auch die Verantwortung gesellt: Dass wir für unseren Lebensunterhalt Dank sagen können. Damit gewinnt unser Tischgebet, die Bitte um Gottes Segen über unserem „Essen", eine fundamentale Bedeutung. Das Tischgebet ist nicht nur eine religiöse Übung, sondern ein Wahrnehmen des lebenschaffenden Geistes Gottes, der demutsvolle Dank, dass Gott uns erhält und fördert und uns Glück schenkt. Er allein ist der Lebensspender, in geistlicher und auch leiblicher Hinsicht, nicht die Lebensmittelindustrie.
Dank sagen können: Also doch lieber bei Salat und/oder Tofu bleiben? Ja, wenn es gesundheitlich angesagt ist, nein und dreimal nein, wenn daraus eine Weltanschauung wird oder gar eine scheinbare Vorbedingung für das Christsein. Die Irrlehrer bei Bruder Timotheus wollten eine Gemeinde von Asketen und hielten dies für Gottes Reich auf Erden. Paulus sagt: Nein, wir sind nicht gerechtfertigt durch Diäten, und das Veganer-Sein ist keine Religion. Wir sind gerechtfertigt durch Gottes Erbarmen. Das ist unsere Botschaft von der Freiheit der Erlösten. Das nehmen wir — auch — mit in die Ohiostraße.
Ulrich Hühne
