Presse-Spiegel

Aus Badische Neueste Nachrichten vom 23.06.2017
72. Jahrgang – Nr. 142 – Ausgabe Karlsruhe – Seite 24
Von Nina Setzler

„Der Herzschlag ist Jesus“

Baptisten der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde wollen für Mitmenschen da sein

Bei den freikirchlichen Gemeinden in Karlsruhe tut sich was. 15 haben sich in einem neuen Zusammenschluss namens Forum evangelischer Freikirchen organisiert und wollen verstärkt an die Öffentlichkeit treten, verstärkt auch mit anderen Kirchen zusammenarbeiten. In einer kleinen Serien stellen wir einige Gemeinden vor, die für traditionelle oder für neu sich formierende Freikirchen stehen.

„Von der Gemeindegröße her lernt man sich mit der Zeit gut kennen und es entsteht Vertrautheit“, sagt Pastor Hans Kolthoff über seine rund 200 Mitglieder starke Baptistengemeinde. „Gemeinschaft ist uns wichtig, in ganz verschiedenen Gemeindegruppen tauschen wir uns aus, verbringen miteinander Zeit und wachsen aneinander“, sagt Sarah Bittner, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. „Die jungen Erwachsenen unternehmen natürlich andere Sachen als die Seniorengruppe 55+. Wir starten zum Beispiel mit einem gemeinsamen Essen und diskutieren danach ein Thema, das jemand vorbereitet hat. Zum Beispiel, wie wir als Christen in der Politik agieren wollen. Das hat dann eine christliche Komponente, ist aber auch sehr alltagsnah.“ Dasselbe lässt sich auch für die Gottesdienste sagen, wo neben Pastor Kolthoff auch immer wieder Nicht-Theologen auf den Predigerplan stehen. „Mein Freund zum Beispiel predigt auch bald – und der studiert Maschinenbau …“, sagt Sarah Bittner. „Man ist einfach mehr beteiligt, als wenn jeden Sonntag derselbe da vorne steht.“

In rund 160 Ländern der Welt existieren Baptistengemeinden mit rund 47 Millionen Mitgliedern, die meisten davon in den USA. Ihre Wurzeln haben sie bei englischen Glaubensflüchtlingen Anfang des 17. Jahrhunderts. Mit rund 80 000 getauften Mitgliedern in 814 Gemeinden sind die Baptisten die größte Freikirche in Deutschland.

Nicht nur untereinander steht man sich nah, auch die enge Beziehung zu Gott ist den Baptisten wichtig. „Wir glauben, dass Gott eine Beziehung zu mir persönlich haben möchte, das muss nicht über jemanden laufen, der Theologie studiert hat. Ob ich das lebe, indem ich in die Natur gehe und Gott in seiner Schönheit sehe, lieber im stillen Kämmerlein die Bibel lese oder Gott in Menschen und Gesprächen begegne, ist bei jedem Menschen anders“, sagt Sarah Bittner. Seit die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde vor einigen Jahren von der Innenstadt in die Ohiostraße gezogen ist, gibt es viel Raum für Gemeinsamkeit. „Wir waren damals nicht nur zu klein, sondern auch nicht familien- und kindgerecht. Wir wollten, dass Familien und Kinder sich wohlfühlen, Gruppenarbeit mit Kindern möglich ist. Dieses Gebet ist erhört worden!“, sagt Harald Bronkal, der Vorsitzende des sozialdiakonischen Vereins Ohio. „Wir hatten eine Zeit lang keine jungen Familien, jetzt haben wir circa acht.“ Wie zur Bestätigung ertönt ein fröhliches Quietschen, und ein Bobbycar samt Mini-Passagier rollt durchs Foyer. Kleinkinder sind in der Baptistengemeinde zwar sehr willkommen, getauft werden sie allerdings noch nicht. „Voraussetzung für die Taufe bei uns Baptisten ist, dass jemand von sich aus die Taufe wünscht, aber nicht, weil seine Eltern dazugehören“, erklärt Kolthoff. Im Gemeindezentrum wartet ein großes Taufbecken darauf, mit Wasser gefüllt zu werden und den Täufling über eine Treppe komplett abtauchen zu lassen. Da sie als Freikirche keine Kirchensteuer erhält, finanziert sich die Baptistengemeinde komplett selbst. Spenden-Empfehlung für die Mitglieder: Ein Zehntel des Einkommens. „Wie viele das wirklich tun, wissen wir aber nicht, da wir die Einkünfte der Einzelnen nicht kennen. Manche werden den Betrag geben, manche sogar mehr, andere etwas weniger“, vermutet Harald Bronkal. Mit den Spenden wurde das luftige Gemeindezentrum mit seinen hohen Decken finanziert, wo seit Kurzem auch eine Tagespflegegruppe für bis zu zwölf Kinder eingerichtet wurde. „Uns war es mit dem Umzug wichtig, sozialdiakonisch etwas für die Menschen in Karlsruhe tun zu können. In der Innenstadt war dafür kein Platz. Mit unserem Ohio-Verein machen wir auch Beratungsarbeit für Menschen in Not, mit psychologischen Problemen, auch Ehe- oder Elternberatung.

Ein weiteres wichtiges Element ihres Glaubens ist das Bibelstudium, wobei viele Baptisten dabei der historisch-kritischen Methode zugewandt seien, erklärt Bittner. Dabei versuche man stets, die Bibeltexte in ihren kulturellen Entstehungskontext einzuordnen. „Wenn man sich fragt, was eigentlich der Herzschlag der Bibel ist, dann würde ich sagen, das ist die Person Jesu. Seine Zugewandtheit zu den Menschen ist natürlich auch ein gewisser Maßstab, an dem man alle anderen Aussagen der Heiligen Schrift messen muss. Manche Aussagen treffen den Kern ganz genau, andere hatten vielleicht irgendwann mal Sinn, können aber heute nicht mehr übernommen werden“, sagt Kolthoff. Sarah Bittner fügt hinzu: „In der Bibel steht, die Frau sollte in der Gemeinde schweigen. Damals war es dann vielleicht so, dass Frauen zum ersten Mal überhaupt am kulturellen Leben teilnahmen, nicht gebildet waren und im Gottesdienst so aufgeregt waren, dass sie nur geschnattert haben. Aber diese Aussage kann natürlich für uns nicht mehr gelten – da würden wir uns viele gute Predigerinnen entgehen lassen!“ Nina Setzler

Mit freundlicher Genehmigung der BNN